Als ich ein Kind war, war ich ein kleines Boot, das nach und nach zu einem Schiff heranwuchs. Und meine Eltern waren mein Hafen. Die erste Zeit kam ich nicht weit hinaus auf das Meer. Ich war nicht stark genug, um den großen Wellen des Meeres zu trotzen. Aber die geschützte Bucht des elterlichen Hafens hat mir auch vollkommen gereicht.
Später bekam ich ein Segel und ich traute mich etwas weiter hinaus. Wurde es jedoch dunkel, kehrte ich zurück in den elterlichen Hafen. Denn bei Dunkelheit konnte ich die Riffe nicht gut sehen, die mein kleines Boot hätten beschädigen können.
Ein Bug wurde verstärkt und ich traute mich nun auch bei Nacht hinaus. Aber nicht besonders weit. Und wann immer ein Sturm aufzog, beeilte ich mich, in den elterlichen Hafen zurückzukehren weil ich Sorge hatte, dass mein Segelboot dem wilden Wetter nicht trotzt.
Ich bekam einen Motor und traute mich, auch über längere Zeit wegzubleiben. Ich steuerte andere Häfen an und blieb eine Weile dort. Dadurch lernte ich die unterschiedlichsten Häfen kennen und die unterschiedlichsten Umgebungen. Aber ich war nach wie vor auf die Sicherheit eines Hafens angewiesen. Und bei dem Hafen meiner Eltern war mein sicherer Ruheort. Daher zog es mich immer wieder dorthin zurück.
Neugierig geworden vergrößerte ich meinen Proviant und traute mich auf die offene See. Dort begegnete ich anderen Booten und Schiffen, mit denen ich mich austauschte. Ich erfuhr, dass es nicht allen Booten so gut ging wie mir. Es gab Boote, deren elterliche Häfen zerrüttet waren, ungemütlich oder sogar gefährlich. Es gab Botte, die viel zu früh ins offene Meer gestochen waren. Oder solche, die sich andere Häfen hatten suchen müssen. Manche waren Piraten in die Hände gefallen und waren von diesen Begegnungen immer noch schwer gezeichnet. Ich begegnete aber auch Schiffen, die den Wellen trotzen konnten. Manche, weil sie es konnten und manche, weil sie es mussten. Einige der Schiffe versuchten, im weiten Meer Versorgungspunkte zu sein. Und andere Schiffe waren Piraten. Ich hatte so viele unterschiedliche und berührende Begegnungen. Aber nach einiger Zeit kehrte ich dann doch in den wohlvertrauten elterlichen Hafen zurück. Dort konnte ich von meinen Abenteuern erzählen und konnte das Erlebte durch gemeinsame Recherche in einen Kontext rücken. Ich wurde mit Proviant versorgt, hatte meine Unterkunft und konnte weiter an mir werkeln.
Schließlich hatte ich so viel an mir gewerkelt, dass aus dem kleinen Boot von einst ein stabiles Schiff geworden war. Als Schiff machte ich mich dann auf ins große Unbekannte des Meeres. Nach und nach lernte ich, was für ein Schiff ich sein wollte. Ich entschied mich dazu, ein Schiff zu sein, das kleineren Booten und anderen Schiffen auf ihrem Weg durchs große Meer ein hilfreicher Anlaufpunkt sein konnte. Ich teilte gerne meine Ressourcen und mein Wissen. Ich begegnete natürlich auch Piraten. Aber meistens gelang es mir, ihnen wohlbehalten zu entwischen.
Eines Tages dann erwuchs in mir der Wunsch, das wilde Meer hinter mir zu lassen und einen Hafen zu finden. Zu dem Hafen meiner Eltern jedoch wollte ich nicht zurück. Und auch sonst fand ich keinen Hafen, wo ich für immer bleiben wollte. Aber ich fand ein anderes Schiff. Und ich entschloss mich, mit dem anderen Schiff ein neues Land zu besiedeln. Dieses andere Schiff und ich erschufen an einer schönen Küste unseren eigenen Hafen. Wir gestalteten ihn ganz so, wie wir es wollten. Hin und wieder stachen wir noch in See. Als Flotte oder alleine. Aber dieser Hafen war es, der nun unsere Heimat war.
Nach einer Weile erwarteten wir ein Kind. Und ich sah zu, wie mein kleines Kind, mein kleines Boot, nach und nach zu einem Schiff wurde. Ich sah zu, wie dieses kleine Schiff das Meer für sich eroberte. Und ich hoffe, dass ich diesem kleinen Boot ein sicherer Hafen bin, zu dem es gerne zurückkehrt.
