Phasen der Verarbeitung

Ein Leben hat Höhen und Tiefen. Es geht uns gut. Plötzlich passiert etwas und es geht uns schlecht. Dann raffen wir uns auf, um zu reifen, damit es uns wieder besser gehen kann. Und schließlich beginnt der Kreislauf vom Neuen. Die Zeiten, die wir in den unterschiedlichen Phasen verbringen, variieren. Und auch ihre Intensität. Aber eines bleibt gleich: Wenn uns etwas Schlechtes passiert ist, dann verschiebt sich unser Fokus und wir achten hauptsächlich darauf, was in unserem Leben doof und schlecht und schmerzhaft ist. In dieser Phase wird alles in Extremen gesehen. Unser Leben ist extrem schlecht und alles will uns verletzen und wir werden nie wieder vertrauen!

Am besten lässt sich diese Phase mit dem Drama einer Teenagerin vergleichen. Es gibt nur gut oder schlecht. Immer oder nie. Und ein Teil von uns genießt es, in diesen Phasen zu sein. Denn da sind wir besonders und tief und ehrlich und roh und intensiv. Wenn aber in dieser Phase wohlwollende Menschen, Hinweise oder Auswege an uns herantreten, nehmen wir diese kaum wahr. Sie werden ungesehen in den Werkzeugkoffer neben uns gelegt. Und das ist in Ordnung. Wir sind im Modus der Gefahrenerkennung.

Wenn wir glauben, dass wir alle Gefahren identifiziert haben, öffnet sich unser Fokus wieder und wird weicher. Wir sehen wieder, was uns helfen kann. Menschen, Auswege, Werkzeuge. Und langsam arbeiten wir uns aus der Dunkelheit heraus. Und schließlich finden wir uns wieder an einem Punkt, wo es uns gut geht.

Jede dieser Phasen hat ihre Berechtigung. Jede dieser Phasen braucht ihre Zeit. Und das ist in Ordnung. Entspannung. Herausforderung. Wachstum. Das gehört zum Kreiskauf des Lebens. Das Beste, was wir tun können, ist die Gewissheit zu entwickeln, dass auf das Eine das Andere folgt. So genießen wir die Ruhepausen bewusster und stürzen in den Herausforderungen nicht zu tief. Und wir gewinnen vertrauen in unsere Fähigkeit, mit Dingen umzugehen und uns zu entwickeln. Und dabei, diese Bewusstheit zu entwickeln, hilft Akzeptanz: Es ist in Ordnung. Es ist vielleicht nicht leicht. Es ist vielleicht nicht schön. Es ist vielleicht anstrengend und intensiv. Aber was es auch sei, es ist in Ordnung.

Leere Stille vs volle Stille

Stille. Es gibt eine leere Stille. Und es gibt eine gefüllte Stille. Doch was ist der Unterschied?
In einer leeren Stille erzeugen wir in uns einen offenen Raum, in dem Gedanken ungefiltert herumtanzen können. Und in diese Leere kommen am liebsten diese Gedanken, die wir sonst wegschieben würden: Habe ich den Herd angelassen? Ist der Hund gefüttert? Was steht heute noch an? Hätte ich in irgendeiner Situation anders handeln können? Warum habe ich das nur gemacht?! Ich bin ein Versager! Ich bin ein schlechter Mensch. Die Welt wäre ohne mich viel besser dran.
Die Angst vor diesen Gedanken verleitet uns dazu, ohne Ruhe durch den Alltag zu jagen und die Stille zu vermeiden. Dadurch sind wir erschöpft, mutlos und auf der Flucht. Und irgendwann brechen die Gedanken, vor denen wir weggelaufen sind, wie Wellen über uns zusammen. So beginnen wir uns vor de Stille zu fürchten.

Aber wir brauchen Ruhe und Stille, um uns zu regenerieren. Und, um uns selbst zu begegnen. Was wir brauchen, ist die gefüllte Stille. In der gefüllten Stille sind wir eins mit uns selbst. Wir befinden uns im Jetzt und füllen uns zur Gänze aus. Der Alltag und die Herausforderungen des Lebens treten in den Hintergrund. In dieser gefüllten Stille ist kein Raum für flüchtige Gedanken. Denn sie ist angefüllt mit Zufriedenheit, Akzeptanz und Einheit mit sich selbst. Ich genieße die Natur. Der Wind tut so gut. Die Welt ist schön. Meine Entscheidungen haben Gründe. Ich bin wertvoll. Ich habe ein Recht darauf, glücklich zu sein. Es ist okay.

In dieser gefüllten Stille verbinden wir uns mit uns und der Welt. Vor allem aber verbinden wir uns mit dem Licht, das tief in uns ist. Manchmal ist dieses Licht von Erfahrungen und Alltag verschüttet. Und wir sind sicher, dass es nicht existiert – vielleicht sogar nie existiert hat. Aber es ist da. Und wenn wir in die volle Stille treten, verbinden wir uns mit diesem Strahlen. Für die Zeit dieser Verbindung vergessen wir, mit uns, unserem Leben und der Welt unzufrieden zu sein. Und wir spüren, dass es in Ordnung ist. Irgendwann lernen wir dann, den schweren Gedanken etwas entgegen zu setzen: Ich bin es wert, geliebt zu werden. Ich darf glücklich sein. Meine Bedürfnisse sind richtig. Zunächst schmerzen diese Sätze, denen die Sehnsucht danach, sie zu hören, ist zu groß. Aber nach und nach gelingt es doch, sich mit der tief verschütteten Überzeugung zu verbinden, dass wir glücklich sein dürfen.

Müssen – Wollen – Möchten

Wir müssen so viel in unserem Leben … zumindest denken wir das. Aber das stimmt so gar nicht. Es gibt tatsächlich wenig – vielleicht sogar gar nichts – was wir wirklich müssen. Alles, was es gibt, sind Entscheidungen und Konsequenzen.
Ich muss nicht arbeiten, um Geld zu verdienen. Wenn ich es nicht tue, hat es halt die potentielle Konsequenz, dass ich auf der Straße lebe. Oft ist diese Konsequenz unerwünscht. Das bedeutet aber nicht, dass wir arbeiten und Geld verdienen müssen. Es bedeutet, dass wir arbeiten und Geld verdienen wollen, um ein von uns gewünschtes Ergebnis zu erhalten und einen gewissen Lebensstandard zu bewahren. Aber macht das wirklich einen unterschied, ob ich arbeiten gehen muss, oder ob ich arbeiten gehen will

Dafür eine kleine Übung:
Setzen Sie sich entspannt auf einen Stuhl. Schließen sie die Augen. Atmen Sie tief durch.
Jetzt nehmen Sie eine Haltung ein für folgendes Wort: ‚Ich muss!
Jetzt nehmen Sie eine Haltung ein für ‚Ich will!
Jetzt nehmen Sie eine Haltung ein für ‚ Ich möchte‚.
Gibt es Unterschiede zwischen diesen Haltungen?

Ich muss fühlt sich meist angestrengt an. Als würde äußerer Druck für innere Unruhe sorgen.
Ich will beinhaltet oft mehr intrinsische Aktivität, die darauf wartet, in fokussiertes handeln umgewandelt zu werden.
Ich möchte hat derweil ein klares Ziel vor Augen, ohne großen Druck, es zeitnah zu erreichen.

Also ja. Es macht einen Unterschied, ob ich Handlungen als von außen aufoktroyiert oder intrinsisch motiviert wahr nehme. Und es macht einen Unterschied, ob ich einen harten Fokus habe, oder ob ich mich flexibel auf äußere Impulse einstellen kann, ohne mein Ziel au den Augen zu verlieren. Es hat sogar direkten Einfluss auf unser körperliches Spannungsniveau. Wenn also das nächste Mal der Gedanke kommt, dass etwas gemacht werden muss, lohnt es sich vielleicht, ihn zu hinterfragen. Vielleicht ist es ja einen Wollen.

Ich bin ein Hafen, mein Kind ist ein Schiff

Als ich ein Kind war, war ich ein kleines Boot, das nach und nach zu einem Schiff heranwuchs. Und meine Eltern waren mein Hafen. Die erste Zeit kam ich nicht weit hinaus auf das Meer. Ich war nicht stark genug, um den großen Wellen des Meeres zu trotzen. Aber die geschützte Bucht des elterlichen Hafens hat mir auch vollkommen gereicht.
Später bekam ich ein Segel und ich traute mich etwas weiter hinaus. Wurde es jedoch dunkel, kehrte ich zurück in den elterlichen Hafen. Denn bei Dunkelheit konnte ich die Riffe nicht gut sehen, die mein kleines Boot hätten beschädigen können.
Ein Bug wurde verstärkt und ich traute mich nun auch bei Nacht hinaus. Aber nicht besonders weit. Und wann immer ein Sturm aufzog, beeilte ich mich, in den elterlichen Hafen zurückzukehren weil ich Sorge hatte, dass mein Segelboot dem wilden Wetter nicht trotzt.
Ich bekam einen Motor und traute mich, auch über längere Zeit wegzubleiben. Ich steuerte andere Häfen an und blieb eine Weile dort. Dadurch lernte ich die unterschiedlichsten Häfen kennen und die unterschiedlichsten Umgebungen. Aber ich war nach wie vor auf die Sicherheit eines Hafens angewiesen. Und bei dem Hafen meiner Eltern war mein sicherer Ruheort. Daher zog es mich immer wieder dorthin zurück.

Neugierig geworden vergrößerte ich meinen Proviant und traute mich auf die offene See. Dort begegnete ich anderen Booten und Schiffen, mit denen ich mich austauschte. Ich erfuhr, dass es nicht allen Booten so gut ging wie mir. Es gab Boote, deren elterliche Häfen zerrüttet waren, ungemütlich oder sogar gefährlich. Es gab Botte, die viel zu früh ins offene Meer gestochen waren. Oder solche, die sich andere Häfen hatten suchen müssen. Manche waren Piraten in die Hände gefallen und waren von diesen Begegnungen immer noch schwer gezeichnet. Ich begegnete aber auch Schiffen, die den Wellen trotzen konnten. Manche, weil sie es konnten und manche, weil sie es mussten. Einige der Schiffe versuchten, im weiten Meer Versorgungspunkte zu sein. Und andere Schiffe waren Piraten. Ich hatte so viele unterschiedliche und berührende Begegnungen. Aber nach einiger Zeit kehrte ich dann doch in den wohlvertrauten elterlichen Hafen zurück. Dort konnte ich von meinen Abenteuern erzählen und konnte das Erlebte durch gemeinsame Recherche in einen Kontext rücken. Ich wurde mit Proviant versorgt, hatte meine Unterkunft und konnte weiter an mir werkeln.

Schließlich hatte ich so viel an mir gewerkelt, dass aus dem kleinen Boot von einst ein stabiles Schiff geworden war. Als Schiff machte ich mich dann auf ins große Unbekannte des Meeres. Nach und nach lernte ich, was für ein Schiff ich sein wollte. Ich entschied mich dazu, ein Schiff zu sein, das kleineren Booten und anderen Schiffen auf ihrem Weg durchs große Meer ein hilfreicher Anlaufpunkt sein konnte. Ich teilte gerne meine Ressourcen und mein Wissen. Ich begegnete natürlich auch Piraten. Aber meistens gelang es mir, ihnen wohlbehalten zu entwischen.

Eines Tages dann erwuchs in mir der Wunsch, das wilde Meer hinter mir zu lassen und einen Hafen zu finden. Zu dem Hafen meiner Eltern jedoch wollte ich nicht zurück. Und auch sonst fand ich keinen Hafen, wo ich für immer bleiben wollte. Aber ich fand ein anderes Schiff. Und ich entschloss mich, mit dem anderen Schiff ein neues Land zu besiedeln. Dieses andere Schiff und ich erschufen an einer schönen Küste unseren eigenen Hafen. Wir gestalteten ihn ganz so, wie wir es wollten. Hin und wieder stachen wir noch in See. Als Flotte oder alleine. Aber dieser Hafen war es, der nun unsere Heimat war.
Nach einer Weile erwarteten wir ein Kind. Und ich sah zu, wie mein kleines Kind, mein kleines Boot, nach und nach zu einem Schiff wurde. Ich sah zu, wie dieses kleine Schiff das Meer für sich eroberte. Und ich hoffe, dass ich diesem kleinen Boot ein sicherer Hafen bin, zu dem es gerne zurückkehrt.

Mein Lebensbuch

Das Leben ist ein Buch. In diesem Buch gibt es ganz viele Kapitel. Manche dieser Kapitel schließen sich aneinander an. Aber die Meisten laufen parallel. So kann man mehrere Freunde gleichzeitig haben. Oder mehrere Hobbys parallel. Aber wann endet ein Kapitel? Wenn es zeitlich vorüber ist? Nein. Dann kann es noch nachwirken und stärker wiederkehren. Jedes Kapitel endet mit dem gleichen Wort. Erst, wenn dieses Wort ohne Bedauern gesprochen wird, sind die Themen des Kapitels wohlwollend verinnerlicht.
Dieses Wort bedeutet nicht, dass es schön war.
Dieses Wort bedeutet nicht, dass alles gut war.
Dieses Wort bedeutet nicht, dass man nicht verletzt wurde.
Es bedeutet nur: Es war okay … und jetzt ist es vorbei. Es bedeutet: Ich habe daraus gelernt und die gemachten Erfahrungen bestmöglich integriert. Dieses Wort, das jedes Kapitel schließt, lautet „Danke!“

Warum gerade „Danke“, fragst du? Weil dieses eine Wort wertschätzend anerkennt, dass das Geschehende ein Teil von dir ist, der nun gehen darf.

Die Mauer

Ich stand einmal vor einer wie großen Mauer. Diese Mauer war gebaut aus all den Dingen, die mich geprägt haben. Sie war so hoch und so breit, dass ich nicht wusste wie ich sie jemals überwinden sollte. Dann eines Tages sammelte ich all den Mut, von dem ich nicht wusste, dass ich ihn habe und griff nach dem ersten Stein. Es war eine schwere Erinnerung aus meiner Kindheit. Ich hatte mich einsam gefühlt und hilflos. Machtlos und verlassen. Mir stiegen Tränen in die Augen. Aber es gelang mir, mich mit dieser Erinnerung zu versöhnen. Ich vergab mir, dass ich als das Kind, das ich damals gewesen bin, meinem damaligen Alter entsprechend gehandelt hatte. Und es war gut. Dieser Stein wurde zu einer kostbaren Erinnerung.

Da fiel mir auf, dass dieser Stein nicht wie all die anderen gewesen war. Er hatte eine Farbe gehabt. Er war rot gewesen. Und plötzlich sah ich, dass noch andere Steine dieser Mauer rot waren. Ich nahm den nächsten roten Stein. Er gehörte auch zu einem Erlebnis, bei dem ich mich einsam und hilflos gefühlt hatte. Und mit den Erfahrungen, die ich mit dem ersten roten Stein gemacht hatte, gelang es mir nun viel leichter, diesen Stein aus der Mauer zu nehmen und zu einer kostbaren Erinnerung werden zu lassen.

Da fragte ich mich, ob das ein Einzelfall gewesen ist und suchte meine Mauer nach weiteren roten Steinen ab. Und siehe da, ich fand einige davon. Wie die Male zuvor waren es Situationen aus meinem Leben, in denen ich mich einsam und hilflos gefühlt hatte. Und wie die Male zuvor vergab ich mir auch hier, dass ich der Situation nicht gewachsen gewesen war. So verschwanden alle roten Steine. Und Licht floss durch die Lücken in der Mauer. Wunderschönes, warmes, sanftes Licht. Ich lächelte. Ich versuchte durch diese Lücken hindurch zu sehen. Und tatsächlich konnte ich einen Blick erhaschen auf die wunderschöne Landschaft hinter der Mauer. Doch nach wie vor wusste ich keinen Weg, um diese Mauer zu überwinden. Und rote Steine gab es nicht mehr. Die Lücken, welche die roten Steine hinterlassen hatten, waren nicht groß genug, als dass ich hindurch gekonnt hätte.

Da tat ich ein paar Schritte zurück und betrachtete meine Mauer. Die Mauer, die einst so riesengroß, mächtig und unüberwindlich gewesen war. Mir fiel auf, dass alle Steine Farben hatten. Grün. Blau. Weiß. Schwarz. Lila. Ich nahm mir einen grünen Stein. Er erinnerte mich an eine Situation, wo ich versucht hatte, mein Leben durch Leistung aufzuwerten. Ich erkannte, dass ich nicht perfekt sein muss und gestattete mir, stattdessen glücklich zu sein. Und der grüne Stein ward zu einer kostbaren Erinnerung.

Die anderen grünen Steine waren nun leichter zu bewältigen und bald konnte ich die blauen Steine betrachten. Sie gehörten zu Erlebnissen, in denen ich meinen eigenen Bedürfnissen zuwidergehandelt hatte. Nun räume ich meinen Bedürfnissen einen besonderen Platz ein. Sie zählen bei Zukünftigen Entscheidungen nicht weniger als andere Aspekte.

So betrachtete ich nach und nach die Steine meiner Mauer. Ich bearbeitete sie Stück für Stück. Und nahm das, was ich bei einem Stein gelernt hatte, mit zum nächsten. Die riesige, unüberwindliche Mauer wurde zu kleinen, überwindbaren Steinen. Und bald hatte sich ein Weg aufgetan, durch den ich die Mauer ungehindert überwinden konnte. Ich schritt in eine wohlwollende und fruchtbare Zukunft. Teile der Mauer standen noch. Und das war in Ordnung. Sie war hinter mir. Und was mich die vergangenen Erlebnisse lehren konnten, trug ich als kostbare Erinnerungen bei mir.

Warum regnet es?

Warum regnet es?
Es regnet nicht, damit die Blumen wachsen.
Das ist nur ein Nebeneffekt.

Es regnet, weil die Wolken schwer sind und nicht über die Berge kommen.
Also müssen sie abregnen, um leichter zu werden.

Bei Menschen ist es genauso:
Sie weinen, weil sie „voll“ und „schwer“ sind und sich erleichtern müssen.
Dass dadurch etwas erblüht, ist eine Folge davon.

Die Geschichte von dem Kind, das schrumpfte, weil niemand es wachsen sah

Es wurde einmal ein Kind geboren, das so besonders war wie jedes andere auch.
Das Kind war neugierig auf das Leben und wollte es mit voller Lust erkunden.
Wie bei jeder Familie waren auch die Eltern dieses Kindes stets bemüht, des Kindes Bedürfnisse zu erfüllen.
Hin und wieder aber gingen die Bedürfnisse des Kindes im Alltagstrubel unter.
Und wie tragisch das auch ist, so ist das doch verständlich.
Nun wurde aber aus dem Hin und wieder Gewohnheit.

Das Kind zeigte stolz, aber die Eltern waren abgelenkt.
Das Kind wollte Nähe, aber die Eltern hatten keine Zeit.
Das Kind war verletzt, aber die Eltern trösteten nicht recht.
Das Kind brauchte Grenzen, aber die Eltern waren nicht präsent.
Das Kind hatte Fragen, aber die Eltern wussten nichts zu antworten.
Das Kind bat nach Trost, aber die Eltern verstanden das Problem nicht.
Das Kind fragte nach Hilfe, aber die Eltern wussten diese nicht zu geben.
Das Kind litt Ängste, aber die Eltern sahen keinen rationalen Grund dafür.
Das Kind verzehrte sich nach Erlebnissen, aber die Eltern hatten anderes zu tun.
Das Kind flehte um Gerechtigkeit, aber die Eltern bewerteten die Situation anders.
Und irgendwann … lernte das Kind, nicht mehr zu fragen.
Nicht mehr zu hoffen. Nicht mehr zu bitten. Nicht mehr zu erwarten.
Irgendwann lernte das Kind zu überleben.

Und schließlich merkte es, dass ihm das zu wenig war.
Es wollte seine Gefühle und Bedürfnisse wahr nehmen. Aber das musste es erst lernen.
Es wollte sich auf andere Menschen verlassen können. Aber das musste es erst lernen.
Es wollte seine Grenzen und Möglichkeiten erproben. Aber das musste es erst lernen.
Es wollte glücklich und zufrieden sein. Aber das musste es erst lernen.
Es wollte seinen eigenen Weg finden. Aber das musste es erst lernen.
Es wollte sich zugehörig fühlen. Aber das musste es erst lernen.
Es wollte stolz auf sich sein. Aber das musste es erst lernen.
Es wollte für sich einstehen. Aber das musste es erst lernen.
Es wollte sich selbst lieben. Aber das musste es erst lernen.
Und nachdem es all das gelernt hatte, was es lernen wollte, konnte das Kind endlich der Mensch sein, der er sein wollte.
Und als es dereinst selbst ein Kind bekam, unterstützte es dabei, jederzeit das zu werden, was es sein konnte.

Der schwarze Mantel meiner Traurigkeit

Als ich jung war, lebte ich in einer Welt voller Farbe und Harmonie. Eines Tages aber geschah etwas, das die Dunkelheit in meine Welt einziehen ließ. Und wie alles um mich herum so dunkel und farblos war, legte sich der Schatten wie ein Mantel um mich. Und von da an waren mein Leben und ich in trübste Dunkelheit getaucht.
Tief in mir verbarg sich aber die geheime Sehnsucht nach Licht, Leben und Farbe. Wie sehr ich auch versuchte, diese Sehnsucht zu ersticken und mich der Dunkelheit zu ergeben So blieb doch dieses leise Flüstern: „Es muss doch mehr geben!“
Und als ich nicht mehr gegen dieses Flüstern ankämpfen konnte, machte ich mich auf den Weg zu neuen Gefilden. Das Vergangene aber trug ich an meinem Leib mit mir fort.

Da kam ich an eine riesengroße Mauer. Sie war dunkel und unüberwindlich. Und in ihr waren all die schweren Ereignisse meines Lebens als feste Ziegel eingebrannt. Ich wurde wütend.
Wütend auf die Mauer in meinem Weg.
Wütend auf mich.
Wütend auf meine Vergangenheit!
Wütend auf dieses leise Flüstern einer falschen Hoffnung.
Und ich schwor mir, diese Mauer zu zerstören!
Ich versuchte es mit Hämmern und Bohrern und Meißeln und Dynamit. Aber die Mauer stand und hielt. Ich sah mich um. Gerade jenseits der Mauer konnte ich eine bunte Welt erblicken. Ich sehnte mich nach dieser Welt. Aber die Mauer stand in meinem Weg und es war kein Weg daran vorbei.

In meiner Sehnsucht nach der bunten Welt jenseits der Mauer zog ich mir einen meiner schwarzen Handschuhe aus. Ich hatte ganz vergessen, dass ich unter diesem schwarzen Handschuh bunt war … In mir wuchs die Ahnung, dass meine schwarzen Gewänder mich nicht definierten und ich zog meine schwarzen Schuhe aus. Ich verstand, dass es meine Entscheidung war, ob ich mich an dem vergangenen festklammere und ich streifte meinen schwarzen Mantel ab. Ich erkannte, dass es nicht die biographischen Fakten waren, die mich belasteten, sondern meine Zuweisung ihrer emotionalen Bedeutsamkeit. Und ich schälte mich aus meiner schwarzen Hose.
Ich gestattete mir zu wählen was aus meiner Vergangenheit ich mit in meine Zukunft mitnehme und band mit meinen schwarzen Pullover locker um die Hüfte. Dann verließ ich den Weg und trat hinein in die bunte Welt abseits der Mauer. Die Mauer blieb zurück und verlor ihre düstere Macht und Bedeutsamkeit.

Der Raum mit den hundert Türen

In jedem Menschen gibt es einen großen, runden Raum.
An den Wänden dieses Raumes gibt es hunderte von Türen in allen Farben und Formen.
Hinter diesen Türen befinden sich die unterschiedlichsten Wesen.
Es sind all deine Erinnerungen, Überzeugungen, Muster und Gefühle.
Immer mal wieder klopft es an einer der Türen und rüttelt es an dem Türgriff.
Manchmal sogar bei mehreren gleichzeitig. Das ist dann ein ziemlicher Lärm.
Und wenn du eine Tür öffnest, überschwappt dich manchmal das, was dahinter ist und nimmt dich völlig ein.

Aber du musst die Tür nicht öffnen.
Du musst das, was hinter den Türen ist, nicht hineinlassen.
Jede Tür hat ein Guckloch, das du öffnen kannst, wenn das, was dahinter ist, klopft.
Und dann kannst du fragen, was es will.
Und du darfst entscheiden, ob du es eintreten lässt, oder nicht.
Du allein kannst entscheiden.
Denn du bist der Herrscher dieses Raumes mit den vielen Türen.
Und was immer hinter den Türen ist, existiert einzig, um dir zu helfen, dich zu beraten und dir zu dienen.