Die Geschichte von dem Kind, das schrumpfte, weil niemand es wachsen sah

Es wurde einmal ein Kind geboren, das so besonders war wie jedes andere auch.
Das Kind war neugierig auf das Leben und wollte es mit voller Lust erkunden.
Wie bei jeder Familie waren auch die Eltern dieses Kindes stets bemüht, des Kindes Bedürfnisse zu erfüllen.
Hin und wieder aber gingen die Bedürfnisse des Kindes im Alltagstrubel unter.
Und wie tragisch das auch ist, so ist das doch verständlich.
Nun wurde aber aus dem Hin und wieder Gewohnheit.

Das Kind zeigte stolz, aber die Eltern waren abgelenkt.
Das Kind wollte Nähe, aber die Eltern hatten keine Zeit.
Das Kind war verletzt, aber die Eltern trösteten nicht recht.
Das Kind brauchte Grenzen, aber die Eltern waren nicht präsent.
Das Kind hatte Fragen, aber die Eltern wussten nichts zu antworten.
Das Kind bat nach Trost, aber die Eltern verstanden das Problem nicht.
Das Kind fragte nach Hilfe, aber die Eltern wussten diese nicht zu geben.
Das Kind litt Ängste, aber die Eltern sahen keinen rationalen Grund dafür.
Das Kind verzehrte sich nach Erlebnissen, aber die Eltern hatten anderes zu tun.
Das Kind flehte um Gerechtigkeit, aber die Eltern bewerteten die Situation anders.
Und irgendwann … lernte das Kind, nicht mehr zu fragen.
Nicht mehr zu hoffen. Nicht mehr zu bitten. Nicht mehr zu erwarten.
Irgendwann lernte das Kind zu überleben.

Und schließlich merkte es, dass ihm das zu wenig war.
Es wollte seine Gefühle und Bedürfnisse wahr nehmen. Aber das musste es erst lernen.
Es wollte sich auf andere Menschen verlassen können. Aber das musste es erst lernen.
Es wollte seine Grenzen und Möglichkeiten erproben. Aber das musste es erst lernen.
Es wollte glücklich und zufrieden sein. Aber das musste es erst lernen.
Es wollte seinen eigenen Weg finden. Aber das musste es erst lernen.
Es wollte sich zugehörig fühlen. Aber das musste es erst lernen.
Es wollte stolz auf sich sein. Aber das musste es erst lernen.
Es wollte für sich einstehen. Aber das musste es erst lernen.
Es wollte sich selbst lieben. Aber das musste es erst lernen.
Und nachdem es all das gelernt hatte, was es lernen wollte, konnte das Kind endlich der Mensch sein, der er sein wollte.
Und als es dereinst selbst ein Kind bekam, unterstützte es dabei, jederzeit das zu werden, was es sein konnte.

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