Die Mauer

Ich stand einmal vor einer wie großen Mauer. Diese Mauer war gebaut aus all den Dingen, die mich geprägt haben. Sie war so hoch und so breit, dass ich nicht wusste wie ich sie jemals überwinden sollte. Dann eines Tages sammelte ich all den Mut, von dem ich nicht wusste, dass ich ihn habe und griff nach dem ersten Stein. Es war eine schwere Erinnerung aus meiner Kindheit. Ich hatte mich einsam gefühlt und hilflos. Machtlos und verlassen. Mir stiegen Tränen in die Augen. Aber es gelang mir, mich mit dieser Erinnerung zu versöhnen. Ich vergab mir, dass ich als das Kind, das ich damals gewesen bin, meinem damaligen Alter entsprechend gehandelt hatte. Und es war gut. Dieser Stein wurde zu einer kostbaren Erinnerung.

Da fiel mir auf, dass dieser Stein nicht wie all die anderen gewesen war. Er hatte eine Farbe gehabt. Er war rot gewesen. Und plötzlich sah ich, dass noch andere Steine dieser Mauer rot waren. Ich nahm den nächsten roten Stein. Er gehörte auch zu einem Erlebnis, bei dem ich mich einsam und hilflos gefühlt hatte. Und mit den Erfahrungen, die ich mit dem ersten roten Stein gemacht hatte, gelang es mir nun viel leichter, diesen Stein aus der Mauer zu nehmen und zu einer kostbaren Erinnerung werden zu lassen.

Da fragte ich mich, ob das ein Einzelfall gewesen ist und suchte meine Mauer nach weiteren roten Steinen ab. Und siehe da, ich fand einige davon. Wie die Male zuvor waren es Situationen aus meinem Leben, in denen ich mich einsam und hilflos gefühlt hatte. Und wie die Male zuvor vergab ich mir auch hier, dass ich der Situation nicht gewachsen gewesen war. So verschwanden alle roten Steine. Und Licht floss durch die Lücken in der Mauer. Wunderschönes, warmes, sanftes Licht. Ich lächelte. Ich versuchte durch diese Lücken hindurch zu sehen. Und tatsächlich konnte ich einen Blick erhaschen auf die wunderschöne Landschaft hinter der Mauer. Doch nach wie vor wusste ich keinen Weg, um diese Mauer zu überwinden. Und rote Steine gab es nicht mehr. Die Lücken, welche die roten Steine hinterlassen hatten, waren nicht groß genug, als dass ich hindurch gekonnt hätte.

Da tat ich ein paar Schritte zurück und betrachtete meine Mauer. Die Mauer, die einst so riesengroß, mächtig und unüberwindlich gewesen war. Mir fiel auf, dass alle Steine Farben hatten. Grün. Blau. Weiß. Schwarz. Lila. Ich nahm mir einen grünen Stein. Er erinnerte mich an eine Situation, wo ich versucht hatte, mein Leben durch Leistung aufzuwerten. Ich erkannte, dass ich nicht perfekt sein muss und gestattete mir, stattdessen glücklich zu sein. Und der grüne Stein ward zu einer kostbaren Erinnerung.

Die anderen grünen Steine waren nun leichter zu bewältigen und bald konnte ich die blauen Steine betrachten. Sie gehörten zu Erlebnissen, in denen ich meinen eigenen Bedürfnissen zuwidergehandelt hatte. Nun räume ich meinen Bedürfnissen einen besonderen Platz ein. Sie zählen bei Zukünftigen Entscheidungen nicht weniger als andere Aspekte.

So betrachtete ich nach und nach die Steine meiner Mauer. Ich bearbeitete sie Stück für Stück. Und nahm das, was ich bei einem Stein gelernt hatte, mit zum nächsten. Die riesige, unüberwindliche Mauer wurde zu kleinen, überwindbaren Steinen. Und bald hatte sich ein Weg aufgetan, durch den ich die Mauer ungehindert überwinden konnte. Ich schritt in eine wohlwollende und fruchtbare Zukunft. Teile der Mauer standen noch. Und das war in Ordnung. Sie war hinter mir. Und was mich die vergangenen Erlebnisse lehren konnten, trug ich als kostbare Erinnerungen bei mir.

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